Flucht und Vertreibung

von Priedemost nach Oberfranken

Vor 48 Jahren: Ankunft der Priedemoster in Oberfranken

Es ist nun bald ein halbes Jahrhundert her, daß sich als Auswirkung des Kriegsgeschehens des 2. Weltkrieges eine der größten Fluchtbewegungen der neueren Geschichte vollzog. Sicher haben Flucht und Auswanderung in früherer Zeit ähnliche und oft auch noch schlimmere tragische Auswirkungen auf die Betroffenen gehabt.

Schlesien, das lange Zeit des Krieges als Luftschutzkeller des Reiches galt, war im Jahr 1944 in den näheren bis mittleren Bereich feindlicher Bomber gekommen. Wesentliche Luftverteidigung war in Schlesien nicht vorhanden, und die russischen Armeen standen seit Herbst 1944 an der Weichsel. Viele der nachdenklichen älteren Menschen fühlten mehr das kommende Unheil, als daß sie die Gefahr bewußt erkannten. Man verdrängte die Befürchtungen eher ins Unterbewußtsein, indem man einfach nicht davon sprach. Derart erlebten auch diese Zeit die Einwohner von Vorbrücken, welches noch bis 1937 Priedemost hieß.

Vorbrücken, im folgenden wieder Priedemost genannt, hatte etwas über 1100 Einwohner, lag 6 bis 8 km südöstlich von Glogau, auf der Westseite der Oder und von dieser ca. 6 bis 7 km entfernt. Anfang 1944 war in Priedemost die Zahl der gefallenen und vermißten Soldaten von der des 1. Weltkrieges übertroffen worden. Nach dem Zusammenbruch der Weichselfront Mitte Januar 1945 erreichte das Kriegsgeschehen in wenigen Tagen auch den Glogauer Raum. Der nun deutlich hörbare Kanonendonner und die sich zeigenden russischen Flugzeuge waren Zeichen genug, daß unser Heimatdorf in Frontnähe geraten war. Noch gab die Oder einen vermeintlichen Schutz und in der Tat stellte dieser Fluß für die schnell vorrückende russische Armee vorübergehend ein Hindernis dar. Obwohl der Sowjetarmee bei Steinau im ersten Anlauf die Bildung eines Brückenkopfes westlich der Oder gelungen war, konnte dieser einige Wochen abgeriegelt werden.

Was vermochte und was durfte der einzelne bzw. die jeweilige Familie tun? Im wesentlichen nicht viel, meistens abwarten. Nur ganz wenige hatten die Möglichkeit, sich zu Verwandten nach Mitteldeutschland in Sicherheit zu bringen. Evakuierungen wurden nur auf behördliche Anordnung durchgeführt, und dies bewußt zögernd, so daß oft für die Flucht keine Zeit mehr blieb oder die Flüchtenden vom Feind überrollt wurden. Die bestimmenden Leute waren von der Partei. Ihnen fehlte jedoch oft die Kenntnis über das Ausmaß der sich anbahnenden Katastrophe. Besonders in Ostpreußen sind durch viel zu späte Räumungen viele tausend Menschen elendiglich umgekommen.

In Priedemost wurde etwa am 21. Januar 1945 bekanntgemacht, daß sich alle Einwohner auf die Evakuierung vorzubereiten haben. Den Fuhrwerksbesitzern wurden die Familien mit ihrem entsprechendem Gepäck zugewiesen, die kein eigenes Fuhrwerk hatten. In den Bekanntmachungen war auch angegeben, daß nur das Notwendigste mitzunehmen sei und die Räumung nur eine vorübergehende sei. Wer sich etwa äußerte, nicht mittrecken zu wollen, wurde von den Parteileuten auch bedroht.

Es begann nun das Packen, nach bestem Wissen und der Meinung, was das Richtige zum Mitnehmen sei. Als die Wagen voll waren, wurde vieles Bessere, auch Wertsachen, in Kisten und große Töpfe mit Schutz gegen Feuchtigkeit gepackt und dann meistens vergraben in Scheunen, Schuppen oder auch z.B. in trockenen Aschehaufen.

Mütter mit Säuglingen und Kleinkindern wurden nach wenigen Tagen mit der Bahn abtransportiert. Was die Zahl und Art der Pferdefuhrwerke betrifft, hatten die Priedemoster wohl den Vorteil, daß sie als Gemüsebauerndorf viele Einzelgespanne und viele Planwagen besaßen. Mancher empfand es dann als Erlösung, als die Anordnung zum Aufbruch für den 28. Januar kam. Tagelanger Kanonendonner und die allgemeine Unsicherheit hatten sehr an den Nerven gezehrt.

Vollgepackt, soviel man Wagen und Zugtier glaubte zumuten zu können, setzten sich an einem Sonntag, bei viel Schnee und strenger Kälte, gegen Mittag 98 Wagen in Bewegung. Einige hatten einen zweiten Wagen als Anhänger. Viele konnten als Abschied noch das Mittagläuten vom Glockenturm hören.

Auf der Flucht
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Neben Pferdegespannen waren einige Ochsengespanne, Kühe, ein paar gemischte Gespanne (Pferd/Ochse) und ein Trecker dabei. Im Jahre 1939 gab es in Priedemost 146 - 152 Pferde und vier Trecker. Auf den schneeglatten Straßen hatten es die Rinder besonders schwer, sich auf den Beinen zu halten, denn bei ihnen konnten keine scharfen Stollen eingeschraubt werden.

Wenige Leute blieben zurück. Die Gründe waren unterschiedlich, z. B. Krankheit. Wer konnte sich krank bei dieser Kälte auf die Landstraße begeben? Andere wollten in ihrem Alter nicht diese Strapazen auf sich nehmen. Es gab natürlich auch Mißtrauen gegen die politische Führung, weswegen ebenfalls einige zu Hause geblieben sein mögen. Außerdem möchte ich erwähnen, daß ein großer Teil der älteren Männer zum Volkssturm verpflichtet wurde; von ihnen haben viele diese Zeit nicht überlebt. Durch verschiedene Verpflichtungen und getrennte Transporte waren zahlreiche Familien schon zu Beginn zerrissen.

Am ersten Tag ging die Fahrt des Trecks auf der winterlichen Straße durch Glogau, vorbei am schon geräumten Schloin nach Herrndorf. Da auch Herrndorf schon verlassen war, machte das Unterbringen weniger Probleme. Diese Tagesstrecke betrug 15 km.

Vom ersten Tag an passierten Ereignisse, welche man vom Mißgeschick bis zum tragischen Unglück einstufen konnte. So hatte eine Familie nach wenigen Kilometern Fahrt einen Schaden am Wagen, der zwang sie zur Umkehr, was dann zur Folge hatte, daß sie erst nach Jahren mit den entsprechenden Erlebnissen und Konsequenzen die Heimat verlassen durfte. Aber schon die Kolik eines Pferdes gleich am ersten Tag war für eine Familie Aufregung genug.

Am zweiten Tag, 29. Januar, zog der Treck über Beuthen nach Neustädtel und Lindau. Diese Strecke betrug ca. 30 km. Der Tag hatte damit begonnen, daß die Pferde von August Machuy ausgerissen waren und erst wieder eingefangen werden mußten. Als gefährlichste Wegstrecke erwies sich der Nenkersdorfer Berg. Am 30. Januar wurde in Lindau und Neustädtel ein Ruhetag eingelegt. Die Weiterfahrt am 31. Januar ging über schlechte Wege bis Herwigsdorf, Krs. Freystadt, Entfernung ca. 15 km.

Der Morgen des 1. Februar begann auch für die Familie Albert Hennig gleich mit einer Aufregung:

Man zog den Wagen rückwärts aus dem kleinen Hof, wobei ein Rad in einen Graben geriet. Der schwer und hoch geladene Wagen war nicht mehr zu halten und kippte um. Zum Glück hatte das stabile Gefährt keinen Schaden genommen, es mußte neu geladen werden, und die Abfahrt von Herwigsdorf erfolgte dann erst um 8.30 Uhr. Allerdings war der Sirup ausgelaufen und verschiedenes, darunter auch Pelzsachen, verschmiert. Am Abend dieses 1. Februar fand der Treck lange kein Quartier, die Kolonne war teilweise bis 2.00 Uhr nachts auf der Straße, ehe man in Halbau und Hammerfeld, so auch im Kino von Halbau, ein Notquartier fand. Die Tagesstrecke bis Halbau und Hammerfeld hatte etwa 43 km betragen. Einsetzendes Tauwetter hatte die Lage ab 1. - 2. Februar etwas erträglicher gemacht. Am 2. Februar verblieb der Treck in Halbau und Hammerfeld. Ruhetage dienten besonders der Erholung der Zugtiere, Ochsen z. B. hatten ja keine beschlagenen Hufe, weshalb auch bald einige der Tiere die Hufe wundliefen. Auf den schnee- bzw. eisbedeckten Wegen waren dann oft die blutigen Abdrücke zu sehen. Die Fahrer versuchten durch Umwickeln der Hufe mit Tüchern den Ochsen Linderung zu verschaffen, doch waren die Tücher meist nach kurzer Wegstrecke durchgelaufen. Auf einer späteren, nicht vollständigen Quartierliste von Anfang April 1945 sind neben 111 Pferden noch 18 Ochsen aufgeführt.

Die kriegsgefangenen Franzosen waren aus Priedemost vor dem Treck in Marsch gesetzt worden. Diese Gefangenen befanden sich um den 1. - 2. Februar in einem Lager in der Nähe von Halbau. Einigen der Gefangenen gelang es, sich zu „ihren” Bauern abzusetzen. Sie zogen mit „ihren” Leuten bis Oberfranken, wo sie dann im April 1945 von den Amerikanern übernommen wurden.

Die Abfahrt von Halbau und Hammerfeld am 3. Februar geschah bei schönem, warmem Wetter und ging nur bis Neuhammer, Krs. Görlitz. Das waren ca. 15 km. Am folgenden Tag zog der Treck auf guten Wegen über Rothenburg bis Daubitz, ein Teil des Trecks bis Hammerstadt, Krs. Rothenburg. An diesem Tag schaffte man eine Strecke von 35 - 39 km. Hier in Daubitz und Hammerstadt blieb der Treck bis 15. Februar.

Auch in dieser Zeit gab es für manche schlimme Ereignisse, so verlor Frau Linke zwei Pferde durch Krankheit. Es war hier erstmals Gelegenheit zum Ausschlachten der Tiere, die kurz vor der Abfahrt in Priedemost noch abgestochen worden waren und auf der Fahrt in gefrorenem Zustand waren, nun aber bei der milden Witterung aufzutauen begannen. Andere benutzten die Ruhetage, um in Niesky Töpfe einzukaufen. In Daubitz und Hammerstadt wurden einige Männer vom Treck weggeholt und auf Lastwagen verladen. Sie sollten zur Verstärkung des Volkssturmes in Glogau eingesetzt werden. Die Männer wurden am Abend des 11. Februar wieder zurückgebracht, weil die Russen die Zufahrt nach Glogau bereits abgeschnitten hatten. Es war dies eine der schicksalhaften Fügungen, denn nur wenige Männer haben die Volkssturmzeit in Glogau überlebt. An den letzten Tagen in Daubitz und Hammerstadt konnten die Priedemoster den großen Luftangriff auf Dresden wahrnehmen. Der Feuerschein und das Donnergrollen waren zu sehen bzw. zu hören. Einige Priedemoster, die mit der Bahn abtransportiert worden waren, haben den Angriff auf Dresden unmittelbar erlebt.

Am 15. Februar zog der Priedemoster Treck weiter nach Spreefurt: auch diesmal eine Strecke von rund 30 km.

Es war in den Tagen nach dem Angriff auf Dresden, als der Treck von Tieffliegern beschossen wurde. Schnelle Flucht in den nahen Wald verhinderte Schlimmeres. Die Wagen wurden rasch mit Zweigen getarnt. Nur ein Pferd wurde leicht getroffen.

Einige der Bauern hatten an ihren vollgepackten Fluchtwagen noch ihren guten Kutschenwagen angehängt. Die länger anhaltenden ungewöhnlichen Strapazen für Mensch und Tier zwangen dazu, die Kutschen in irgendeinem Ort abzustellen. Man trennte sich ungern von diesen Wagen, die während der Flucht auch gelegentlich zum Übernachten gedient hatten, und außerdem stellte ein guter Wagen den halben Wert eines Autos dar. Nur wenige Kutschen konnten von den Priedemostern bis Oberfranken gebracht werden.

Der nächste Tag sah den Treck auf der Fahrt von Spreefurt nach Wendisch-Runddorf bei Bernsdorf bzw. Wittichenau. Die Tagesstrecke betrug etwa 25 km. Frühmorgens gab es erst einen Scheunenbrand, der wahrscheinlich durch Flüchtlinge verursacht worden war. Eine Familie verlor in Wittichenau ihre Mappe mit den Lebensmittelmarken. Auffallend waren in dieser Gegend die Leute mit ihren wendischen Trachten.

Am 17. Februar zog der Treck in den Raum Wiednitz, Krs. Hoyerswerda. Dies war eine Strecke um 28 km. Man hatte hier den westlichsten Zipfel der Provinz Schlesien erreicht.

Am nächsten Tag mittags ging die Fahrt weiter über Ortrand nach Groß-Thiemig/Elsterwerda Land. Mit dieser über 30-km-Fahrt war der Treck nach Sachsen gekommen. Der Priedemoster Treck zog am 19. Februar weiter über Wainsdorf zunächst nach Prösen. Hier wurde von der Treckleitung (Parteileitung) ein Teil einquartiert. Mit dem größeren Teil des Trecks ging die Fahrt noch ein paar Kilometer weiter nach Stolzenhain. Diese Tagesstrecke hatte etwa 25 km betragen. Wegen der Größe des Priedemoster Trecks war es ganz normal, daß die Fuhrwerke zum Quartier auch auf zwei oder mehr Orte verteilt wurden. Am Morgen des 20. Februar wartete der Treckteil in Prösen wie üblich auf Anweisungen zur Weiterfahrt. Nach mehreren Stunden des Wartens stellte sich heraus, daß die Parteileitung mit dem anderen, größeren Teil des Trecks abgefahren war, ohne Nachricht zu hinterlassen. Die Zurückgelassenen stellten nun auch fest, daß die Aufteilung so vorgenommen worden war, daß im zweiten Treckteil zum großen Teil Leute waren, von denen allgemein bekannt war, daß sie keine Parteianhänger waren. Die beiden Parteileute hatten immer noch ihre Uniform getragen und trugen sie weiterhin bis zur Ankunft in Lichtenfels, was auch bei der einheimischen Bevölkerung oft Verwunderung hervorgerufen hatte.

Es fand nun im zweiten Treckteil eine Art Wahl statt. Alfred Frömer übernahm die Führung, unterstützt von Alfons Müller. Um 10.30 Uhr verließ der Treck Prösen, überquerte in Riesa die Elbe und kam noch bis Canitz, Krs. Oschatz. Die Wegstrecke betrug rund 25 km.

Von diesem Tage an fuhren die Priedemoster in zwei Trecks auf verschiedenen Routen mit allgemeiner Richtung Westen bis Südwesten.

Der größere, erste Treck war am 20. Februar von Stolzenhain in nordwestlicher Richtung nach Schmerkendorf gezogen. Die zunächst eingeschlagene nordwestliche Richtung war sicher Absicht, um vom zweiten Treck Abstand zu bekommen, der in der vorgesehenen Richtung weiterfuhr. Von Schmerkendorf ging die Fahrt am 21. Februar nach Torgau, dort über die Elbe und dann in südlicher Richtung nach Taura. Am 22. Februar legte der Treck hier einen Ruhetag ein. Man fuhr dann am 23. Februar bis Fremdiswalde und verbrachte hier weitere zwei Ruhetage. Die Weiterfahrt geschah am 26. Februar bis Großbardau, südwestlich von Grimma.

Der erste Treck zog am 27. Februar weiter über Bad Lausick nach Kolka bei Geithain, wo zwei Tage Rast eingelegt wurden. Am 2. März ging die Fahrt weiter bis Pahna bei Altenburg. Bei der Weiterfahrt am nächsten Tag wurde Altenburg umfahren; dieses hatte gerade einen Fliegerangriff erlebt, und der Treck schlug nun eine mehr südliche Richtung ein. Quartier wurde in Leubnitz bei Werdau gemacht. Hier gab es am 4. und 5. März abermals Ruhetage. In den nächsten Tagen wurden folgende Ortschaften erreicht und dort übernachtet: 6. März Gottesgrün bei Greiz, 7. März Kühndorf, 8. März Mühltroff, 9. März Gefell. In Gefell gab es wieder zwei Tage Rast. Man wußte nun, daß der Treck nach Bayern kommen sollte, und da tauchten auch ein paar eigenartige Fragen auf. Es wurden Bedenken geäußert wie: Werden wir diese Mundart verstehen? oder: Laufen die Männer in Sepplhosen herum?

Der erste Priedemoster Treck, am 12. März von Gefell kommend, ging bei Hirschberg über die Saale. Er kam damit nach Oberfranken, fuhr auf der Autobahn bis Münchberg und nahm in Schlegel bei Münchberg Quartier. Am nächsten Tag, dem 13. März, fuhr der Treck nur wenige Kilometer bis Ahornis und blieb dort auch noch am 14. März.

Am nächsten Tag verließ der erste Treck den Frankenwald, kam über Kulmbach in das Maintal und quartierte in Schwarzach und Schmeilsdorf. Was später vom zweiten Treck über die Schwierigkeiten beim Fahren mit den schweren Wagen in gebirgiger Landschaft gesagt wird, trifft auch auf den ersten Treck zu. In den Kreis Lichtenfels gelangte der erste Priedemoster Treck am 16. März, bekam um Wolfsloch bis Lichtenfels Quartier und zog am 17. März großenteils nach Lichtenfels.

Der Sinn einer weiteren Flucht war nicht mehr erkennbar. Ein ungutes Gefühl nahm zu, je weiter man sich von der Heimat entfernte. Die Treckwagen stauten sich in und um Lichtenfels. Da jedoch die Fahrzeuge von den Straßen gebracht werden mußten, wurden die Wagen mit ihren Leuten durch das Amt Lichtenfels, Kronacher Str., auf die Ortschaften im Kreis Lichtenfels verteilt und bekamen von den Bürgermeistern Quartiere zugewiesen.

Der zweite Priedemoster Treck, der am 20. Februar in Canitz, Krs. Oschatz, Quartier gefunden hatte, setzte am 21. Februar seine Fahrt über Oschatz bis nach Mutzschen fort. Wie um diese Zeit immer noch zu beobachten war, wurden weiterhin Straßensperren gebaut. In den Städten oder in ihrer Nähe gerieten die Trecks immer häufiger in einen Fliegeralarm. Den einzelnen Flüchtling konnten auch andere Begebenheiten hart treffen. So waren beim Auszug aus Priedemost viele Fahrräder mitgenommen worden, meistens vollgepackt, jedoch auf den langen Märschen trotzdem eine Hilfe und Erleichterung. Um so ärgerlicher war es, wenn mal ein Fahrrad abhanden kam. So geschehen der Familie Hennig am 20. Februar in Canitz.

Am 22. Februar zog der zweite Treck von Mutzschen nach Hohnstädt bei Grimma, etwa 18 km Wegstrecke, und am übernächsten Tag, 24. Februar, ging es weiter über Bad Lausick nach Geithain-Altdorf. An diesem Tag blieb der Trecker von Alfons Müller stehen, der Anhänger mußte an einen anderen Wagen angehängt werden. Der Treck hatte am 25. Februar Ruhetag. Rasttage waren von beiden Trecks dazu benutzt worden, um bei immer mehr Wagen Bremsen anzubauen. In unserer ebenen Heimat waren Bremsen an den Ackerwagen nicht notwendig; Bremsen gab es nur an den gummibereiften Wagen.

Am 26. Februar zog der zweite Priedemoster Treck von Geithain nach Waldenburg, Krs. Glauchau. Die Strecke betrug etwa 26 km. Die Gegend wurde nun immer gebirgiger, das Fahren mit den vollen Wagen auch gefährlicher. Der zweite Treck fuhr am 27. Februar von Waldenburg über Glauchau weiter nach Helmsdorf und Ober-Rothenbach, dabei wurde die Autobahn Gera – Chemnitz überquert. Am 28. Februar ging es weiter über Zwickau, das von einigen Leuten als schöne Stadt empfunden wurde, nach Lengenfeld im Vogtland. An diesem Tag fuhren die Wagen unter der Autobahn Chemnitz – Plauen durch und erreichten den Rand des Erzgebirges. Die Höhe der Berge hatte weiter zugenommen.

Am nächsten Tag, dem 1. März, zog der Treck von Lengenfeld weiter, dabei ein gutes Stück auf der Autobahn, kam bei Regen in Groß-Zöbern und Berglas bei Plauen an und ging dort abends um 21.30 Uhr ins Quartier. Diese Wegstrecke betrug etwa um die 40 km. Der Zug ging von Groß-Zöbern und Berglas noch gegen Abend des 2. März auf Fahrt, kam aber nur wenige Kilometer voran. Wegen hohen Schnees war kein Weiterkommen. Der Treck erhielt Quartier in Krebes, Ruderitz und Gutenfürst, das später durch den Zonenübergang bekannt wurde. Der zweite Treck legte hier eine Zwangspause bis 21. März ein. Zahlreiche Pferde des Trecks waren erkrankt, zum Teil wurden die Drüsen operativ behandelt. Anstrengungen und Umstände haben wohl manches Tier überfordert, und noch nach der Ankunft im Kreis Lichtenfels gingen Pferde an den überstandenen Strapazen ein. Von Gutenfürst aus wurden die mitfahrenden Priedemoster, die ohne eigenen Wagen waren, per Bahn nach Kulmbach gebracht. Dadurch wurden die Pferde, die schwere Wagen zu ziehen hatten, etwas entlastet.

Der zweite Priedemoster Treck setzte am 21. März seinen Zug von Krebes, Ruderitz und Gutenfürst auf der Autobahn fort und erreichte Lipperts und Leupoldsgrün. Auf der Fahrt nach Münchberg am nächsten Tag wurde überwiegend die Autobahn benutzt. Weiter ging es am 23. März bis Marktleugast und am 24. März erreichte der zweite Treck dann Kulmbach.

Die Wege der beiden Priedemoster Trecks hatten sich mehrmals berührt bzw. verliefen auf gleichen Routen, allerdings im zeitlichen Abstand von mehreren Tagen. Beide Trecks hatten große Schwierigkeiten das gebirgige Gelände zu überwinden. So mußten die schweren Wagen teilweise mit vier Pferden bergan gezogen und bergab die Bremsvorrichtungen durch Hemmschuhe und einfache Prügel unterstützt werden. Wagen für Wagen heraufziehen und dann wieder herablassen, war doch sehr zeitaufwendig. In einem Falle geriet durch langes Bremsen ein Wagenrad in Brand. Der zweite Priedemoster Treck traf am 25. März im Raum Burgkunstadt, Hochstadt und Lichtenfels ein. Auch diese Flüchtlinge wurden auf viele Orte verteilt. Es dauerte einige Tage, vereinzelt auch einige Wochen, bis alle Personen ein Quartier zugewiesen bekamen. Das Verbreitungsgebiet dieser damaligen Einquartierungen ist zum Teil bis heute an den Wohnorten ehemaliger Priedemoster bzw. deren Nachkommen zu erkennen. Schwerpunkte bei der Einquartierung für Leute aus Priedemost wurden neben Lichtenfels auch Redwitz und der Raum Burgkunstadt – Altenkunstadt.

Hier noch eine Aufzählung von Orten, in denen ebenfalls Priedemoster waren und manchmal noch heute dort leben:

Altenbanz, Vierzehnheiligen, Untersiemau, Schney, Schwürbitz, Trübenbach, Marktgraitz, Marktzeuln, Lahm, Isling, Köttel, Trieb, Reuth, Wolfsloch, Burkheim, Strössendorf, Horb, Obristfeld, Neuses, Theisau, Maineck, Weismain, Krassach, Arnstein, Fesselsdorf, Modschiedel, Wunkendorf und Zultenberg. Auch im Kulmbacher und Stadtsteinacher Raum waren viele Priedemoster untergekommen, hier einige Orte: Schwarzach, Melkendorf, Kulmbach, Kauerndorf, Untersteinach, Stadtsteinach, Rugendorf, Römersreuth, Presseck, Triebenreuth und Marktleugast.

Ein paar Worte zur Hilfsbereitschaft der Quartiergeber auf dem Fluchtweg: Der Wille zu helfen war allgemein groß. Wenn man die damaligen Verhältnisse bedenkt, 6. Kriegsjahr, mit den knapper werdenden Zuteilungen und den oft bescheidenen Wohnverhältnissen, in denen selbst so mancher Hausbesitzer lebte. Es muß doch ein erschreckender Anblick gewesen sein, wenn eine so große Kolonne frierender, oft durchnäßter, hungriger Leute in einen Ort einfuhr und Quartier suchte. Sie erregten Mitleid, und viele empfanden es als menschliche Pflicht, nach Kräften zu helfen. So konnten einige der Geflüchteten auch mal einen Kuchen backen oder wie Familie A. Hennig in Hohnstädt: Mohnschnecken. Wenn Wagen nicht in Scheunen oder einigermaßen geschützt untergebracht werden konnten, schliefen die Treckleute oft auf ihren Wagen. Man wollte die letzte Habe nicht durch Diebstahl verlieren. Natürlich gab es auch sehr unfreundliche Quartierleute oder solche, welche die Aufnahme von Flüchtlingen ablehnten. So hat in einem Fall, es war im Februar, die Hitlerjugend des Ortes das Hoftor zu einem Anwesen geöffnet, um die Wagen von der Straße zu fahren, weil die Besitzer die Aufnahme verweigerten. Es war erstaunlich und sehr anerkennenswert, wie groß doch die Bereitschaft der Einwohner von Oberfranken war, die Flüchtlinge in solchen Massen aufzunehmen. Auch hier kennen wir jedoch vereinzelt unrühmliche Ausnahmen.

Am 13. April besetzten die Amerikaner den Kreis Lichtenfels, und damit begann eine andere Zeit.

Bereits Anfang April hatten einige Leute aus Priedemost gedrängt, wieder zurück nach Schlesien zu fahren. Der Wunsch, schnell wieder in die Heimat zurückzukehren, war besonders bei den älteren Leuten stark vorhanden. Die Motive, so bald wieder zurückzufahren, sind heute schwer zu verstehen. Die Lage war für die Flüchtlinge schwer einzuschätzen, die Zukunft sehr unsicher und sah eigentlich recht betrüblich aus. Trotzdem begab sich eine ganz beachtliche Anzahl von Priedemostern noch vor Ankunft der Amerikaner auf die Rückreise, und andere fuhren nach der Besetzung, nun aber vereinzelt, in Richtung Osten. Die Rückfahrer sind dann allerdings nur bis Sachsen, südliche Provinz Brandenburg oder die Lausitz gekommen. Zwei Familien, Albert Otto und Hermann Kinzel, beendeten bereits bei Münchberg die Heimfahrt, nachdem die Amerikaner auf ihrem schnellen Vormarsch diese Gegend besetzt hatten. Meine Großmutter, die Anfang Juni 1945 nicht mehr zurückzuhalten war, zog mit der damaligen Familie Höher wieder ostwärts. Bei Rochlitz an der Mulde erlebten sie den Abzug des amerikanischen Brückenpostens und den gleich darauffolgenden Einzug der Sowjetsoldaten. Die vor ihrer Abfahrt, von meiner Großmutter gemachte Äußerung: ,,Der Krieg ist vorbei, wir fahren wieder heim, wir können noch ein paar Bunn (Bohnen) stecken“ zeigt die oft fatale Fehleinschätzung der eingetretenen Lage in der Heimat. Diese falsche Einschätzung der neuen Verhältnisse hat noch so manchen schlesischen Heimkehrer das Leben gekostet. Es zeigt aber auch, daß damals in den ersten Wochen nach Kriegsende eine endgültige Vertreibung für immer noch nicht vorstellbar war.

Wenn auch ein beachtlicher Teil der Priedemoster in den ersten Jahren nach dem Krieg auf der Suche nach Wohnung und Arbeit Oberfranken verließ und irgendwo im übrigen Deutschland eine neue Heimat fand, so ist doch der Schwerpunkt der neuen Wohnplätze Oberfranken, und hier besonders der Kreis Lichtenfels, geblieben.

Oberfranken, das in Bayern die größte Dichte an Industriearbeitsplätzen aufzuweisen hatte, konnte den Vertriebenen mehr und mehr Verdienstmöglichkeiten und damit auch eine neue Heimat bieten. Erleichtert wurde die Eingliederung auch besonders dadurch, daß das Wesen, die Mentalität der Oberfranken und der Schlesier gar nicht so sehr verschieden sind. Der ,,gemittliche“ Schlesier kam in die Wiege der deutschen Romantik, wie Prof. Jakob Lehmann Franken bezeichnete, und in ,,die schönste Gegend der Welt“, wie Herder Franken nannte.

Dies alles mag das Hierbleiben der Priedemoster wesentlich erleichtert haben. Auch wenn unser Dorf am Rande des Gebietes der Neiderländer Mundart in Schlesien lag, so war ihnen doch das Vorgebirgsschlesisch eine vertraute und gern gehörte Mundart, welche mit der oberfränkischen Mundart besonders Ähnlichkeiten aufweist.

Vieles davon hat dazu beigetragen, daß bei den jährlichen Heimattreffen unseres Ortes in Lichtenfels bis zu einhundert ,,Ehemalige“ aus ganz Deutschland anreisen.

Wir wollen auch diejenigen nicht vergessen, die Oberfranken nicht mehr erreicht haben. Frau Pauline Hoffmann, Haus-Nr. 4, verstarb unterwegs im Krs. Freystadt, ebenso verstarb auf der Flucht Julius Hoffmann, Haus-Nr. 64. Mehrere ältere Leute unseres Heimatdorfes sind seit der Fahrt hierher vermißt, ihr Schicksal und Verbleib blieben ungeklärt. In Thüringen vermißt blieb Berta Hennig, Haus-Nr. 32, sie war damals 58 Jahre alt. Auch Albert Rohrmann, Haus-Nr. 49, wird seit der Flucht von den Angehörigen als vermißt gemeldet. Er war 55 Jahre alt. Keine Nachricht über ihren Verbleib seit 1945 gibt es von Maria Machuy, Haus-Nr. 93, ihr Bruder, Paul Machuy, verstarb 1949 im Caritas-Altenheim in Weismain.

Wer das damalige Geschehen vor seinem inneren Auge Revue passieren läßt, denkt auch an seinen Heimatort, und kommen dabei ein paar Tränen, so braucht er sich dessen wohl nicht zu schämen. Mir erging es beim Schreiben dieser Zeilen zuweilen so. Es kann ja wohl nichts Schlechtes sein, wenn die ehemaligen Priedemoster an das Geschehene zurückdenken und dann auch Heimweh verspüren nach ihrem Heimatdorf im fernen Schlesien.